Die Einbildungskraft zügeln, indem man sie bald zurechtweist, bald ihr nachhilft;denn sie vermag alles über unser Glück, und sogar unser Verstand wird von ihr beeinflußt. Sie kann tyrannische Gewalt erlangen und begnügt sich nicht mit müßiger Beschauung, sondern wird tätig, bemächtigt sich sogar oft unseres ganzen Daseins, welches sie mit Lust oder Traurigkeit erfüllt, je nachdem die Torheit ist, auf die sie verfiel. Sie macht uns mit uns selbst zufrieden oder unzufrieden, spiegelt einigen beständige Leiden vor und wird der häusliche Henker dieser Toren. Andern zeigt sie nichts als Seligkeit und Glück, bis ihnen der Kopf schwindlig wird. Alles das vermag sie, wenn nicht die vernünftige Obhut unsrer selbst ihr den Zaum anlegt.

Balthasar Gracian (1604-1658) Die Kunst der Weltklugheit – in 300 Lebensregeln

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